Wir sind mehr: Schöner leben ohne Nazis

Wenn Unbekannte mir zu nahe kommen, verspannt sich mein Nacken. Ich brauche etwas Abstand, deshalb meide ich überfüllte Innenstädte. Doch heute stehe ich mit Michael vor der Siegessäule in Berlin inmitten einer unüberschaubaren Menschenmenge. Ganz freiwillig.

Ich drehe mich um und sehe in bewegte Gesichter. Wer steht hier? Jugendliche, Familien mit Kindern, Menschen in der Lebensmitte, Ältere – alle Generationen sind vertreten. Die meist handgemalten Mottos sind so vielfältig wie die Demonstrierenden. Manche Sprüche machen mich nachdenklich, andere sind lustig oder sarkastisch.

Für eine demokratische Gesellschaft

Morgen sind Wahlen zum EU-Parlament. Junge Leute tragen einen Schriftzug in riesigen gelben Lettern quer über die Straße: GO VOTE, GEH WÄHLEN.

Zu Beginn des Jahres brandete schon einmal eine riesige Welle gegen die Rechtsextremisten durch das Land. Vielleicht erinnerst du dich: Anfang des Jahres deckten Recherchen von CORRECTIV Geheimpläne von AfD-Funktionären und Neonazis auf. Millionen von Einheimischen mit ausländischen Wurzeln sollten „remigriert“ – sprich aus Deutschland vertrieben – werden.

Damals gingen in großen Städten und kleinen Orten unzählige Menschen auf die Straße, um dagegen zu protestieren und die Demokratie zu schützen.

Demos für das, was wir lieben

Ganz ehrlich – ich war mir nicht ganz sicher, ob diese Bewegung bis zu den Wahlen des EU-Parlaments und darüber hinaus tragen würde.

Doch bei der Demo an der Siegessäule sehe ich erleichtert, wie viele wir sind. Zeitgleich finden im ganzen Land 260 weitere Demonstrationen des Bündnisses gegen Rechtsextremismus statt.

Heute zeigt die Zivilgesellschaft erneut, dass sie menschenverachtende und fortschrittsfeindliche Rechtsextremisten wie die AfD ächtet. Und wie die meisten Menschen hier ihr Land und die Europäische Union gestalten wollen – demokratisch. Sie wünschen sich Gemeinschaften, die ihre Konflikte gewaltfrei aushandeln und gemeinsam Lösungen finden. Für uns und die Menschen, die wir lieben.

Respekt und Vielfalt statt Hass und Hetze

Drei Abiturientinnen knien neben mir auf dem Asphalt. Mit dicken Filzstiften schreiben sie ihr Motto auf einen großen Pappkarton: „Respekt statt Hetze“. Ein muskulöser Mann in mittleren Jahren hält das Schild „Hass ist keine Meinung“ in seinen schwieligen Händen.

Daneben hat eine blutjunge Mutter ihr Baby im Tragetuch vor die Brust gebunden und streicht ihm rhythmisch über den Rücken. Ein älteres Paar hört untergehakt der Sprecherin zu. Vielleicht sorgen sich die beiden im Alltag oft um ihre Gesundheit oder eine lebenswerte Zukunft ihrer Enkel?

Ja, im Alltag bewegen die Menschen wohl ganz verschiedene Probleme – die Sorge um den Arbeitsplatz oder eine auskömmliche Rente, der fehlende KITA-Platz oder die Gesundheit. Und so haben wir sicher auch oft unterschiedliche Meinungen in konkreten Fragen.

Dennoch stehen wir heute gemeinsam hier, weil uns etwas Wichtiges verbindet:

Wir wollen in einer demokratischen Gesellschaft leben, die Vielfalt aushält und schätzt und die gewaltfrei ihre Entscheidungen aushandelt. In Deutschland und in der EU.

Demokratie stärken

Klar, unsere Demokratie ist nicht perfekt; viele Kritiken an der Politik sind berechtigt. Ich fände es zum Beispiel gut, die Arbeit von Parlament und Regierung durch frische Impulse der Bürgerinnen und Bürger zu bereichern. Mit Bürgerräten, Volksentscheiden und anderen Formen der direkten Demokratie.

Später gehe ich auf eine Reihe Polizisten zu, die mit ihren Helmen unter dem Arm die Szene beobachten. Zwei von ihnen schauen mich an – eine Frau mit energischem Blick, die ihren Haarschopf in einem Pferdeschwanz gebändigt hat, und ein Mann mit Igelschnitt und Fältchen um die Augen. „Danke, dass Sie hier Ihren Job machen“, sage ich. Beide lächeln. „Gern“, antwortet die Polizistin.

Ich wünsche uns allen einen langen Atem. Denn bald stehen Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg sowie Kommunalwahlen in weiteren Bundesländern an. Zur Wahl gehen und demokratische Parteien wählen – das ist das Mindeste, was wir 2024 für ein gutes Miteinander und die Zukunft unserer Lieben tun können.

Wie ist das bei dir: Warst du schon einmal bei einer Demo für Demokratie dabei? Wenn ja, wie war das für dich? Wenn nein: Was wäre das Beste, was dir dort passieren könnte?

Christine Radomsky

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Lebenslang neugierig auf Menschen und die Wunder unserer Erde. Früher war ich Physikerin, Softwareingenieurin und Coach. Heute setze ich mich gemeinsam mit vielen anderen für Klimaschutz, Klimaanpassung und Demokratie ein. Damit mein Enkel und seine ungeborenen Kinder auch in 10, 20 Jahren gesunde Bäume und Städte erleben. #Baumentscheid

2 Comments

  1. Roman10. Juni 2024

    Liebe Christine, endlich mal ein Beitrag, der sehr persönliche Eindrücke rüber bringt. Und der beim Lesen Platz bietet für eigene Gedanken so zwischendurch. Etwa wie „…ja genau, sowas hab ich auch schon mal beobachtet…“ und auch Gedanken an Plakateabreißer und radikale Gegenschreier. Ich bin froh, dass ich solchen Aktionen noch nicht live gegenüber stand. Wäre ich eingeschritten, um der Demokratie zu helfen? Kann ich so spontan nicht eindeutig beantworten. „Demokratie wagen“ kann sehr herausfordernd sein. Heute noch mehr. Danke, dass Du mich zum Nachdenken angeregt hast über meinen Demokratie-Mut…Gebe Dir und dem Blog 5⭐

    Antworten
  2. Christine Radomsky12. Juni 2024

    Lieber Roman, herzlichen Dank für deine nachdenklichen Worte. Ja, Demokratie wagen ist heute wohl herausfordernder als noch vor einigen Jahren. Manchmal überlege ich auch, ob ich mich in eine aggressive Auseinandersetzung einmischen würde. Wenn Gewalt im Spiel ist, würde ich wohl doch eher die Polizei rufen. Gleichzeitig finde ich: Es gibt so viele kleine Dinge, die die Gesellschaft freundlicher und weniger polarisiert machen können. „Alternativlos: Miteinander reden“. Vielen Dank für deine 5 ⭐

    Antworten

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