Eine Gruppe Kinder spielt auf einem Rasenstück

Was wir gewiss nicht brauchen

Vor einigen Tagen waren wir auf dem Rückweg von einer unserer Lieblingswanderungen um Berlin. Die Zivilisation in Gestalt einer ruhigen Vorortstraße hatte uns bereits wieder eingeholt. Wir stießen auf eine Gruppe Menschen – etwa ein halbes Dutzend Kinder im Alter von vielleicht sechs bis zehn Jahren und mehrere Erwachsene, offenbar die Eltern. Die Kinder hatten mit bunter Kreide eine phantasievolle urbane Landschaft beeindruckender Ausmaße auf den Asphalt gemalt, mit Straßen, Häusern, Spielplätzen, Schulen, einem Badesee, einem Bahnhof, mit Geschäften und einem Eisstand. Nun fuhren sie mit ihren Rollern und Fahrrädern durch diese Phantasiestraßen, hopsten über die Spielplätze und suchten versteckte Schätze. Wir fanden anerkennende Worte für die schöne Spielidee – da meinte eine der Erwachsenen mit Augenzwinkern: “Das WLAN in der Straße ist seit zwei Stunden tot.”
Aha. Es gibt sie also noch, die Eltern, denen Aktivität ihrer Kinder in der realen Welt wichtig ist, mit Interaktion, eigener Kreativität und körperlicher Bewegung. Wenn auch nur mit einer Notlüge, schaffen sie es, ihre Kinder aus der synthetischen Welt der Medien herauszulösen, deren Inhalte in den Gehirnen fremder Menschen entstanden sind. (Müssten wir nicht misstrauisch diesen fremden Menschen gegenüber sein, den fremden Zielen dieser fremden Menschen gegenüber?). Die Kinder auf der Vorortstraße waren zum Glück fähig, in lebendiger Gemeinschaft ihre eigenen Ideen kreativ auszuleben, und sie hatten sichtlich großen Spaß daran. Ganz ohne High-Tech Gadgets.

Christine hat in früheren Beiträgen schon die Frage aufgeworfen: “Was brauchen wir wirklich, um ein erfülltes Leben zu führen?” Die Antwort werden wir an dieser Stelle noch oft suchen, und ganz sicher ist sie für jeden anders und dazu noch facettenreich. Als ich das Spiel der Kinder beobachtete, fiel mir auf, was wir ganz gewiss nicht brauchen – und darauf möchte ich heute eingehen.

Vor hundert Jahren hat Edward Bernays, ein Neffe Sigmund Freuds, die Art und Weise begründet, wie Werbung bis heute funktioniert:
„Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.“ [1]

Seit hundert Jahren lassen wir uns gemäß diesem Lehrsatz durch Werbung manipulieren. Sie flimmert nicht aus philantropischen Motiven über unsere Bildschirme – nein, sie erzeugt Bedürfnisse, von denen wir nicht einmal ahnten, dass wir sie haben, mit dem Ziel, dass wir deren Befriedigung nachhecheln, um unser Geld auszugeben.
Das Ergebnis: Wir beteiligen uns am Rattenrennen (DIE/DER hat das, also muss ich es auch haben), das nie zu dauerhafter Zufriedenheit führt, doch immer dem Wachstum des Profits aller möglicher Unternehmer dient. Diese Unternehmer werden dann auch noch “Leistungsträger der Gesellschaft” genannt (verdienen die Beschäftigten in den Unternehmen diese Bezeichnung nicht viel eher?).

Das Wachstumsmantra wird denn auch streng bewacht. Stets werden Gespenster beschworen, wenn an ihm gerüttelt wird: Einschränkung der Freiheit, Verzicht, Wohlstandsabbau, Wettbewerbsnachteile, Arbeitslosigkeit…

Dagegen werden für die Rüstung mit massiver Propaganda genau dieselben Gespenster schmackhaft gemacht: Einschränkung der Freiheit, Verzicht, Wohlstandsabbau. Konkret heißt das: Vernichtung an gesellschaftlichem Reichtum in 12-stelliger Höhe: 100.000.000.000 € für die Rüstung – bis 2028, euphemistisch Sondervermögen genannt.

Die künftige militärische Auseinandersetzung mit wem auch immer bleibt Spekulation (obwohl sie beim gezeigten Unvermögen der politischen Akteure zu diplomatischem Handeln  nicht unwahrscheinlich).
Die künftige Klimakatastrophe kommt jedoch ganz gewiss. Und sie zieht Wohlstandsvernichtung nach sich, die die obigen 12 Stellen noch potenziert.

Interessant ist, dass sowohl das Wachstum als auch die “Verbesserung” des Lebensniveaus in den letzten Jahren marginal waren, obwohl der Aufwand, der mit diesem Ziel betrieben wurde, exorbitant gewachsen ist.

Ein internationales Forschungsteam (Earth4All project) [2], das vom Club of Rome getragen wird, hat im Juli 2025 zwei Zukunftsszenarien für das Jahr 2100 entworfen. Dasjenige, auf welches wir zusteuern, heißt „zu wenig, zu spät“ (too less, too late – TLTL), es bedeutet ein „Weiter so“ wie bisher, d. h. es herrschen die gleichen ursächlichen Entscheidungsstrukturen wie in den Jahren 1980 – 2020 vor: Gelegentlich ein sozialökologisches Reförmchen, um das politische Gewissen zu beruhigen und die Kritiker einzuhegen. Dieses Simulationsmodell ist durch Zögerlichkeit und sozialökologisches Halbherzigkeit gekennzeichnet. Es wird die Klimaerwärmung, also die Klimakatastrophe, nicht verhindern. Folgen sind Dürren, Überschwemmungen, großflächige Brände, Erdrutsche und die damit zusammenhängenden Folgen wie Flucht, Vertreibung, Ernteausfälle, Hunger und Tod.

“Im TLTL-Szenario sinkt der Wohlstandsindex ab den 2020er Jahren trotz steigendem BIP, privaten Einkommen und öffentlichen Ausgaben pro Kopf. Dies ist auf zunehmende Ungleichheit und die eskalierende globale Erwärmung zurückzuführen, die wiederum zu steigenden sozialen Spannungen führen. Diese negativen Trends überwiegen die positiven Auswirkungen steigender Einkommen.“ [2]

Also: Immer mehr Aufwand, immer mehr Ausbeutung der Natur, immer mehr Katastrophen für immer weniger Wohlstandszuwachs für immer weniger Menschen.

Das brauchen wir wirklich nicht. Wer kann da ruhigen Gewissens wollen, dass es so weiter geht?

[1]  https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Bernays

[2]  https://www.telepolis.de/features/Menschheit-im-Jahr-2100-Giant-Leap-statt-Great-Reset-10505397.html

Michael

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Michael betreut seit 1999 unsere Web-Seiten in Berlin. Davor war er als Physiker in Forschung und Entwicklung und als Key Account Manager für die Broadcast-Industrie tätig. Seit 2011 unterstützte er Christine als Coach und Trainer.

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