Dr. Radomsky Coaching und Training

dvct zertifizierter Coach

Wie befreie ich mich von einem Vorurteil? Durch genaues Hinschauen, durch Begegnung? Mir hilft Reisen.
Hoch über maigrünen Feldern trillern Lerchen. Kein Mensch weit und breit. Michael und ich radeln schwer bepackt nach Werningshausen, einem kleinen Dorf in Thüringen. Vor zwei Tagen sind wir an der Quelle der Unstrut im Eichsfeld aufgebrochen. Wir spüren bereits 80 km des Unstrut-Radweges in den Waden, als wir die Klosterkirche vor uns sehen. Wir stellen die Räder ab und treten ein. Als erstes fällt mein Blick auf ein großes Christus-Bild, sehr menschlich und anrührend. Dann sehe ich die lachsfarbenen und weißen Lilien, die als üppige Sträuße den Raum schmücken. In den Blütenduft mischt sich etwas Rauch. Ein paar Kerzen brennen im Sandbett. Auch wir zünden zwei Kerzen an. Ich bin neugierig und ein bisschen aufgeregt. Heute werden wir etwas Ungewöhnliches tun – in einem Kloster übernachten.

Kloster St. Wigberti - Sinn finden

Bilder im Kopf

Was erwartet uns hier? Meine Fantasie malt ein beunruhigendes Bild. Gebückte Gestalten, die Augen von schwarzen Kapuzen fast verdeckt, huschen als unnahbare Schatten durch hallende Gänge. Rußende Fackeln werfen spärliches Licht. Schattenspiele auf dicken Mauern. Düstere Gesänge und der gruselige Schrei des Turmfalken. Alte und junge Mönche zwischen Gebet und Intrige, für immer an diesen Ort weit weg vom Leben verbannt…

Hast Du ähnliche Bilder vor Augen? Dann hast Du vielleicht wie ich Umberto Ecos „Der Name der Rose“ gelesen oder gesehen. Personen und Handlung des historischen Krimis in der Benediktinerabtei sind frei erfunden. Dennoch prägen sie mein Bild vom Leben im Kloster. Wenn ich auch weiß, dass dieses Bild ein Klischee ist und ich Vorurteile habe.

Vielleicht ist alles ganz anders?

Wir zögern etwas, bevor wir das ehemalige Pfarrhaus betreten. Im Büro sitzt ein älterer Herr mit aufmerksamen Augen, umrahmt von Lachfältchen. Er telefoniert gerade – Tagesgäste haben sich angesagt. Später erfahren wir, das ist Pater Franz, der Prior des kleinen Klosters. Gästebruder Klaus zeigt uns unser Zimmer im alten Pfarrhaus. Frühstücksraum, Gäste-Küche und das einladende Wohnzimmer dürfen wir auch benutzen. Gemeinsam mit einem alten Herrn, der hier eine längere Zeit der Einkehr verbringt, sind Michael und ich die einzigen Gäste.
Erste Überraschung: Außerhalb des Gottesdienstes tragen die Mönche Alltagskleidung.
Klostergarten St. WigbertiWie schön, dass wir durch den Klostergarten streifen dürfen. Die Linden sind kurz vor der Blüte, im Flieder summen die Bienen. Efeu berankt wenige alte Grabsteine. Eine kleine Absperrung trennt den öffentlichen Bereich vom eigentlichen Kloster. Ich spüre, wie die Anstrengung des Weges aus meinen Beinen und Schultern fließt.
Kurz vor sechs setzen wir uns in die Kirche und warten auf die Benediktiner. Wir wollen ihre Einladung annehmen, an ihrem Leben teilzunehmen. Mir ist ein bisschen mulmig. Zweite Überraschung: Es ist ganz unkompliziert. Der Pater fragt uns, ob wir am Gebet teilnehmen oder nur zuhören wollen. Wir entscheiden uns für das Zuhören.
Nach dem liebevoll angerichteten Abendbrot sitzen wir noch zwei Stunden vor dem Pfarrhaus. Es ist fast unwirklich still, nur ein weißes Taubenpaar gurrt auf dem Dachfirst. Als ob die Zivilisation weit weg wäre. Doch das ist sie nicht. Dritte Überraschung: Das Kloster hat schnelles WLAN.

Eine unglaubliche Geschichte

Am nächsten Morgen setzt sich Pater Franz für ein paar Minuten an unseren Frühstückstisch. In seinem sympathischen Thüringer Dialekt erzählt er die Geschichte der Bruderschaft. Alles begann im Jahr 1973, als die verfallene Kirche von Werningshausen kurz vor dem Abriss stand.Kloster-und Dorfkirche WerningshausenEine Handvoll engagierter Brüder restaurierte gemeinsam mit der örtlichen Bevölkerung die Kirche – mitten in der DDR. Als junger Mann hat der Prior Maler, Schriften- und Kirchenmaler gelernt. Das Christusbild im Altarraum der Kirche ist wohl von ihm. Auch andere Brüder haben handwerkliche Fähigkeiten – das kam und kommt im Ort gut an. In den folgenden Jahrzehnten sanierten die Brüder über 25 weitere Kirchen der Umgebung und das ehemalige Pfarrhaus in Werningshausen. 2001 stellten sie dann das eigentliche Klostergebäude fertig. Ihre kleine Gemeinschaft betet vier Mal täglich – dann tragen die Mönche ihre Ordenskleidung. Zum Gottesdienst am Wochenende kommen auch Gläubige der Umgebung. Dazwischen arbeiten die Brüder in Haus und Garten, betreuen Alte der Gemeinde und Gäste. Organisieren Events wie Volksliedersingen und Osterreiten.

Da sich das Kloster durch die Arbeit der Brüder selbst finanziert, ist es unabhängig von kirchlichen Hierarchien. Schon erstaunlich – hier beten und arbeiten evangelische und katholische Mönche gemeinsam. Es gab auch Zeiten, in denen orthodoxe Brüder eine Zeitlang das Klosterleben teilten. Vierte Überraschung: Eine kleine orthodoxe Kuppel schmückt das Klostergebäude.
Klosterpforte St. Wigberti
Die Brüder beherbergen nicht nur Pilger des Jakobsweges und gläubige Gäste, die eine Zeit der Einkehr suchen. Seit Unstrut-Radweg und Luther-Weg an der Klosterpforte vorbeiführen, heißen sie auch ganz weltliche Radler und Wanderer willkommen wie uns. Gastfreundschaft ist für die Benediktiner sehr wichtig, weil sie in jedem Gast Christus begegnen, hören wir.

Und nein, die Brüder leben nicht nur innerhalb ihrer Klostermauern. Sie sind auch ganz von dieser Welt. 2011 pilgerte Bruder Klaus in 90 Tagen über 1600 km nach Rom, um sich für die Einheit der Kirche einzusetzen. Jeden Tag hat er über mobile Kommunikationstechnik einen Blog-Post ins Internet gestellt. So konnte er die Daheimgebliebenen und Unterstützer zum Abenteuer seines Lebens mitnehmen.

Gern würden wir noch mehr erfahren, doch eine Besuchergruppe ist im Anrollen. Wir verabschieden uns. Ich bin dankbar für die herzliche Gastfreundschaft der Benediktiner. Stille und Besinnung haben mir gut getan. Und ich habe nun ein Vorurteil weniger.

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Quellen
Unstrutradweg: Vom Eichsfeld zur Saale
Ökumenisches Kloster St. Wigberti
Bruder Klaus pilgert 1600 km nach Rom
Kloster Werningshausen im Unstrut-Land (youTube)
Zitat „Reisen ist tödlich für Vorurteile“ (Mark Twain)

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Christine Radomsky


Wie wäre es: Wieder mehr Freude, Sinn und Erfolg in der Arbeit erleben, auch wenn du schon viele Jahre im gleichen Unternehmen arbeitest?

Dr. Christine Radomsky begeistert sich für gute Arbeit, die Menschen froh macht. ​Ihr Herz schlägt für neugierige Menschen, ihre Teams und Digitaltechnologien. Als Spurwechsel-Coach hilft sie berufserfahrenen Angestellten, sich im Beruf weiterzuentwickeln oder einen neuen Job zu finden.

Tiefe berufliche Umbrüche kennt sie aus eigenem Erleben: von der Physikerin zur Software-Ingenieurin, von der Teamleiterin zum Coach.
Für lebenserfahrene Menschen im beruflichen Umbruch, die in einer Welt schnellen Wandels erfüllter leben wollen, entwickelt sie gemeinsam mit ihrem Partner Dr. Michael Radomsky Onlinekurse zur Selbstführung.

Auf ihrem Blog unter alcudina.de/sinncoach_blog teilt sie Anregungen für lebenslange persönliche Entwicklung und ein sinnerfülltes Leben.
Ihr Buch "Willkommen in der Welt der Digital Natives" (Redline-Verlag 2019) führt vergnüglich durch die digitale und menschliche Arbeitswelt von heute und morgen.

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  1. Sehr geehrter Herr Dr. Radomsky
    ganz herzlich möchten wir uns für Ihren wunderbaren Bericht erst jetzt bedanken, da wir ihn erst jetzt gefunden haben. Ihr Bericht ist genau das Spiegelbild sehr vieler Radfahrer, die zu uns kommen. Schön, dass sie diesen Vorgang „Uberraschung“ nennen. d.h. doch: Wir alle sind Überraschte vom Leben. Ihnen alles erdenkbar Gute und Grüße aus dem Kloster St. Wigberti
    Ihr P. Franz und Br. Klaus

    1. Lieber Pater Franz,
      ja, das Gefühl „überrascht“ zu sein kann sehr beglücken und bereichern. Voraussetzung dafür ist es, neugierig auf andere Menschen und alles, was uns umgibt zu bleiben. Wenn wir glauben schon alles zu wissen, gehen wir achtlos durchs Leben.
      Wir wünschen Ihnen und Ihren Brüdern weiter viel Kraft und Erfolg bei Ihrem Wirken.

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