1. Die Entwicklung
Seit Beginn der 90-er Jahre hat der Westen unter Führung der USA und der Nato systematisch versucht, Russland strategisch zu schwächen und seinen Einfluss zurückzudrängen.
Vereinbarungen (z.B. während der 4+2-Verhandlungen|a) wurden nicht eingehalten. Insbesondere hat die Nato – im Bewusstsein dadurch bedrohter Sicherheitsinteressen Russlands – ihren Einflussbereich ständig vergrößert.
Bestehende Verträge über Rüstungskontrolle wurden seitens der USA einseitig gekündigt|b. Es wurde nichts unternommen, Russlands erklärte Verhandlungsbereitschaft über eine Sicherheitspartnerschaft|c zu testen.
Die Ukraine wurde systematisch als Frontstaat aufgebaut, indem während der demokratischen Umwälzung antirussische Kräfte massiv unterstützt und der Sturz von Präsident Janukowytsch gefördert wurden.
Nach dem mit aller Härte zu verurteilenden Überfall Russlands wurde eine schnelle Beendigung der Kampfhandlungen, zu der Zelenskyj und Putin bei Verhandlungen in Istanbul bereit waren, von den USA und UK hintertrieben. Der Biden-Administration ging es nur darum, mittels der Ukraine Russland zu schwächen|d. Ein Interesse daran, die Ukraine wirklich zu verteidigen, geschweige denn in die Nato aufzunehmen, bestand niemals. Die USA wollten keine direkte Auseinandersetzung, aber Russland mittels eines „Siegfriedens“ in die Knie zwingen.
Es zeigt sich, dass das nicht funktioniert.
Zum Beginn der Amtszeit Trump II zeigt sich auch, dass das Handeln der USA-Administration ebenso wie das Putins unberechenbar sind. Vertragstreue ist ein Begriff ohne Bedeutung geworden. Äußerungen der Verantwortlichen dienen lediglich strategischen oder taktischen Zwecken und haben sehr oft zweifelhaften Wahrheitsgehalt, schon gar keine Verlässlichkeit.
Um es klar zu sagen:
Russland ist ein Aggressor, der sich massiver Kriegsverbrechen schuldig gemacht hat, der die Zivilisation angreift und sie auf dem Altar geopolitischen Imperialismus opfert.
Die USA dagegen spielen zynisch ihre militärische, ökonomische und mediale Macht aus, um ihrerseits ihre geopolitischen Interessen zu erreichen. Die Ukraine ist dabei ihr Bauernopfer und die Westeuropäer sind ihre Vasallen, die ihre eigenen (europäischen) Interessen lakaienhaft verraten haben. Europa hat sich hinter US-Interessen versteckt, keine eigene Position entwickelt und keine Führung gezeigt.
2. Ausweg (auch wenn’s nicht gefällt)
Unabhängig davon, ob die USA sich aus dem Konflikt zurückziehen oder nicht, Russland ist in der Ukraine nicht zu besiegen. Wer das nicht akzeptiert, ist ein Phantast oder ein Demagoge.
Über welchen Weg auch immer zu Verhandlungen zu kommen wäre ein Beginn.
Primär sollte es allen Beteiligten darum gehen, eine nukleare Auseinandersetzung zu vermeiden. Wenn in diesem Sinne die Ukraine auf ihre Ostgebiete zugunsten Russlands verzichten muss, dann ist das bitter, aber allemal besser als eine verwüstete Erde mit Milliarden Toten.
Einen anderen Ausweg sehe ich nicht – ob das gefällt oder nicht.
3. Schöne neue Welt
Die Prinzipien, nach denen nach Ende des 2. Weltkrieges die internationalen Beziehungen ausgehandelt wurden, gelten nicht mehr, zumindest werden sie von entscheidenden Mächten nicht mehr beachtet:
Putin – auf halbwegs demokratischem Wege an die Macht gekommen – hat Russland zu einem autokratischen System mit faschistoiden|e Zügen umgebaut. Er bedroht unverhohlen die Nachbarländer, um seine imperialen Ziele zu erreichen. Die russische Oligarchenclique erhofft sich gute Geschäfte durch diese Politik. Europa ist erklärtes Feindbild. Die Geschichte lehrt uns, dass Misstrauen gegenüber Putins Friedensbekundungen angebracht ist.
Trump – ebenso auf halbwegs demokratischem Wege an die Macht gekommen – ist dabei, die USA in atemberaubenden Tempo zu einem autokratischen System mit faschistoiden Zügen umzubauen. Er bedroht offen verschiedene Länder, um für sich und seine Oligarchenclique kleptokratische Ziele zu erreichen. Vereinbarungen mit seiner Regierung sind wertlos, da sie von einem zum anderen Tag gebrochen werden, wenn das seinen Interessen dient. Europa ist für Trump von wenig Interesse. Dass im Bedarfsfalle Bündnisverpflichtungen ernst genommen werden, sollte angezweifelt werden.
Wie sich andere Mächte (China, Indien, Brasilien) künftig positionieren werden, bleibt abzuwarten.
4. Was lernen wir
Die „wertegeleitete“ internationale Politik ist gescheitert. Es herrscht das Diktat des Stärkeren, dem sich alle anderen zu fügen haben. Wer nicht spurt, wird ökonomisch oder militärisch erpresst. Bündnisverträge sind wertlos.
Die Großmächte Russland und USA agieren nur nach eigenen Interessen – sei es imperial, sei es dem Maximalprofit geschuldet. Soziale Fragen, Umwelt, Klima spielen in diesem Kontext keine Rolle.
Europa hat keine Wahl, wir müssen uns dieser Situation anpassen.
Die Schlussfolgerung aus 1 – 3 für Europa kann nur sein, sich politisch und militärisch zu emanzipieren und eine feste Koalition zu schmieden, die
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ausgehend von den spezifischen gemeinsamen europäischen Interessen eine starke politische Position definiert und vertritt und die trotz der misslichen Bedingungen die diplomatischen Bemühungen weiter verfolgt, eine Friedensunion unter Besinnung auf diese europäischen Interessen zu schaffen;
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ihre wirtschaftliche Stärke als Basis entschiedener Politik weiter entwickelt (unter Ausnutzung der Vorteile des europäischen Binnenmarktes im friedlichen globalen Handelsaustausch);
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auf Interventionen oder Beteiligung daran außerhalb Europas künftig verzichtet, denn diese Engagements vertreten nicht europäische Interessen;
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die eigene – strikt defensiv ausgerichtete – Verteidigungsfähigkeit für die Europäer, das europäische Territorium, seine physische und virtuelle Infrastruktur unter Verzicht auf eine unsichere Partnerschaft mit den USA so stärkt, dass eine Aggression weder von Russland noch von einem anderen Land aus erfolgen kann.
Eine Konsequenz könnte sein, die Nato im Sinne eines rein defensiven, rein europäischen Verteidigungsbündnisses zu reformieren, das in erster Linie die europäische Sicherheit zum Ziel hat.
Anmerkungen
a – mündliche Absprachen dazu während der 4+2-Verhandlungen: https://t1p.de/izlac
b – einseitig gekündigte Rüstungskontrollverträge
- Raketenabwehrvertrag (ABM) von 1972, gekündigt 2002 (Bush jr.)
- Mittelstrecken-Nuklearstreitkräfte-Vertrag (INF) von 1987, gekündigt 2019 (Trump I)
- Vertrag über den Offenen Himmel (Open Skies) von 1992, gekündigt 2020 (Trump I)
c – Putins (vergiftetes?) Angebot zum Nato-Beitritt: https://t1p.de/ahcuz
d – Absichten der Biden-Administration zur Ukraine: https://responsiblestatecraft.org/ukraine-russia-2669196351/
e – Merkmale von Faschismus:
- Starker Nationalismus und Überlegenheitsdenken
- Autoritatismus und Personenkult
- Gewaltverherrlichung und Militarismus
- Abbau von Demokratie
- Gesinnungsterror und Unterdrückung der Meinungsvielfalt
- Feindbildpflege und Sündenböcke
- Gewalt gegen Andersdenkende
