Dr. Radomsky Coaching und Training

dvct zertifizierter Coach

Unlängst sagte meine Freundin Anna am Telefon: „Manchmal fühle ich mich so leer. Dann ist mein Kopf wie ein Ballon, aber darin herrscht Leere. Verdammte Pandemie.“ Ich knurrte zustimmend und hörte weiter zu.

Vor ein paar Monaten hätte ich vielleicht noch einen Tipp angebracht. Doch inzwischen mag auch ich die Sprüche nicht mehr hören: "Nur noch wenige Wochen die Zähne zusammenbeißen!" oder  „Positiv denken, die Chance in der Krise sehen.“ 

Die Pandemie als Trauma

Der weltweite Ausnahmezustand ist vor allem eines - ein lang anhaltendes individuelles und kollektives Trauma.

Was ist ein Trauma?

Starke psychische Erschütterung, die [im Unterbewusstsein] noch lange wirksam ist (Duden)

Die meisten von uns haben sich - notgedrungen - in der Ausnahmesituation eingerichtet.

So gut es geht, gewöhnten wir uns an allabendliche Hiobsbotschaften im Fernsehen, an Hygieneregeln und Videokonferenzen. 

Yoga oder Fitnessübungen praktizieren wir auf dem eigenen Teppich. Statt der Trainerin aus dem Sportstudio begleiten uns YouTube-Videos dabei. Wir lassen uns von kreativen Musikern auf ARTE verzaubern, freuen uns über anregende Filme im Wohnzimmer. Noch nie haben wir so viel telefoniert und gechattet.

Doch das war bestimmt nicht dein Traum vom glücklichen Leben!

Paradoxerweise scheinen wir uns um so leichter an Corona anzupassen, je mehr Pflichten wir haben.

Wer täglich seiner Arbeit nachgeht - sei es als Handwerker oder als Online-Redakteurin im Home-Office - kann sich an seinen alltäglichen Verpflichtungen entlanghangeln wie an einem Kletterseil im Gebirge.

Wenn noch dazu Kinder oder Enkel zu betreuen und zu "beschulen" sind, weiß man oft nicht, wo der Kopf steht. Dennoch: Was früher manchmal nervte, gibt jetzt Struktur, Sinn und Halt.

Kletterhilfe gegen Kontrollverlust

Wer dagegen über viel freie Zeit verfügt, gerät jetzt schneller ins Grübeln. Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Freiberuf ohne Auftrag oder auch der Ruhestand erweisen sich als gefährliche Fallen, wenn wir unseren Tag nicht sinnvoll füllen.

Hinzu kommt: Zwar wissen wir im zweiten Jahr mehr über das Virus und wie wir uns vor ihm schützen können. Dennoch flackert die Angst um unsere Lieben und uns selbst mit jeder neuen Welle wieder auf.

Vor allem zeigen sich die psychischen Folgen von Kontakt- und Freiheitsbeschränkungen immer stärker. Deshalb: Auch wenn wir uns einigermaßen angepasst haben, erleben wir ein Langzeit-Trauma.

Kontrollverlust

Besonders hart sind diejenigen betroffen, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen: Angestellte, deren Jobs wegbrechen. Unternehmer und Selbständige, die kaum noch Einkünfte haben. Für alle tickt die Kostenuhr weiter: Mieten, Kreditraten, Sozialabgaben, Versicherungen und andere Zahlungsverpflichtungen.

Doch auch diejenigen, die wirtschaftlich sicher sind - fast alle fühlen wir, dass wir alle im zweiten Jahr der Pandemie die Kontrolle über unser Leben zunehmend verlieren. Wir haben viel weniger Einfluss auf unser Leben als in normalen Zeiten.

Dieser Kontrollverlust drückt uns mit bleiernem Gewicht um so stärker zu Boden, je länger die Krise dauert. Immer wieder jagen irritierende Gedanken und Gefühle durch Kopf und Körper.

Doch wir alle brauchen das Gefühl, unser Leben in gewissem Maße selbst beeinflussen zu können. Sonst werden wir krank.

Die gute Nachricht:
Wir sind der Situation nicht hilflos ausgeliefert.

Was tun?

Wie können wir die Auswirkungen auf unsere Seele mildern?

1. Situation akzeptieren

Akzeptieren wir doch zunächst einmal, dass wir einen persönlichen und kollektiven Ausnahmezustand erleben, der an unseren Kräften zehrt. Und das schon im zweiten Jahr.

Vielleicht sind wir ja manchmal mit uns unzufrieden: Gestern wieder nicht das geschafft, was wir vorhatten? Klopfen wir doch uns selbst zunächst einmal mental auf die Schulter, dass wir trotz der widrigen Umstände jeden Morgen aufstehen und uns tapfer schlagen. Wohlwollend und verständnisvoll.

2. "Auf Sicht" leben

Manche Menschen setzen sich gern größere Ziele, die sie planmäßig angehen. Andere lassen sich lieber von dem überraschen, was der Tag bringt. Wie sieht das bei dir aus? Ich gehöre eher zu den Planmäßigen. So spüre ich, mein Leben zumindest teilweise selbst zu bestimmen. Allerdings hat dieses Herangehen in Pandemie-Zeiten einen dicken Haken. Schließlich können wir auf absehbare Zeit vieles von dem nicht tun, was wir möchten. Zudem ändert sich die Situation immer wieder abrupt.

Beispielsweise hatte ich im letzten Jahr vor, Menschen für lebensbereicherndes Lernen mit Digitaltechnologien zu begeistern - auf einer großen Veranstaltung als Speakerin. Leider können wir auch im Frühjahr 2021 von Events in der realen Welt nur träumen. Konferenzen oder Barcamps, bei denen wir uns in die Augen schauen, austauschen, gemeinsam lachen und in den Pausen gemeinsam einen Latte Macchiato schlürfen? All das muss warten.

Also setze ich mir neue Ziele, die mich anziehen und herausfordern. Eines davon: Ich lerne Polnisch. Zudem versuche ich, mehr auf Sicht zu leben. Sprich, neugierig dem etwas abzugewinnen, was mir auf meinem Weg begegnet.

"Es geht im Leben nicht darum, zu warten, dass das Unwetter vorbeizieht. Es geht darum, zu lernen, im Regen zu tanzen." Zig Ziglar

3. Hobbys und Beziehungen pflegen

Womit hellst du diese wolkenverhangene Zeit auf? Tut dir ein Spaziergang im Park gut? Eine Fahrradtour, Meditation, Sport, ein Telefonat oder Treffen mit einem lieben Menschen per Skype oder WhatsApp? Was noch?

Viele buddeln fast vergessene Hobbys wieder aus oder entdecken neue. Brot backen, die Modelleisenbahn der erwachsenen Kinder wieder aufbauen, nähen, Holz drechseln, die Sopranflöte oder eingestaubte Geige wieder zum Klingen bringen, Fotobücher gestalten... 

Auch Kochrezepte, kreative Designtipps und Bauanleitungen aus dem Internet haben Hochkonjunktur.

Was nicht nur Alleinlebende betrübt, sind fehlende "Streicheleinheiten". Die Sehnsucht danach, liebe Menschen einfach mal unbeschwert zu drücken, bleibt oft ungestillt.

Manchmal frage ich mich: Was wäre, wenn wir die Pandemie ein Jahrhundert früher erlebt hätten? Nur gut, dass uns Internet & Smartphone heute dabei helfen, Kontakt zu halten. Es wurde noch nie so viel gechattet und per Audio oder Video telefoniert wie heute.

Und ja - ein virtuelles Kaffeetrinken mit Freunden oder Familie ist nur ein Ersatz, zieht aber dennoch die Mundwinkel nach oben.

4. Neues lernen

Musstest auch du eine lang ersehnte und bereits geplante Urlaubsreise immer wieder aufschieben? Ja, das schmerzt. 

Doch auch von Zuhause aus können wir spannende Reisen ins Unbekannte unternehmen. Lassen wir uns doch wieder einmal von einem Roman oder Sachbuch fesseln. Indem wir die Erlebnisse der Hauptfiguren miterleben oder in ein interessantes Thema eintauchen, erweitern wir unsere kleine Welt.

Auch Onlinekurse laden zu Entdeckungsreisen ins Unbekannte ein. Worüber wolltest du schon lange einmal mehr erfahren? Geschichte der Musik? Künstliche Intelligenz? Das Geheimnis gelingender Beziehungen? Auf Onlinekurs-Plattformen wie Udemy, Coursera und edX wirst du fündig. 

5. Stärkende Gewohnheiten aufbauen

Die Pandemie hat uns wie ein scharfes Messer von vielen Gewohnheiten abgetrennt. Manche von ihnen waren wohltuend, andere nicht.

Immerhin lädt die erzwungene häusliche Einsamkeit dazu ein, uns wieder stärker auf uns selbst besinnen: Was liegt uns am Herzen, welche Werte und Motive bewegen uns, was für ein Mensch wollen wir sein? Und: Wie nähern wir uns diesem "Besten Selbst" weiter an?

Nicht von heute auf morgen, sondern mit kleinen Schritten. Um fitter zu werden, könnten wir beispielsweise Fahrrad fahren oder walken - regelmäßig und moderat. Denn einmalige Gewaltaktionen schaden eher. Wer untrainiert eine Stunde lang keuchend und mit hochrotem Kopf durch den Park rennt, riskiert Atemnot, Muskelkater und Unlust. 

Dagegen hilft der Aufbau von kleinen stärkenden Gewohnheiten, unserem "Besten Selbst" näherzukommen.

Ganz nebenbei geben sie unserem Leben mehr Struktur. Das heißt: Gewohnheiten sind wie Geländer oder Kletterseile, an denen wir uns festhalten können.

Fazit

Wohlwollend mit uns umgehen, stärker auf Sicht leben und durch menschliche Beziehungen sowie neue Interessen und Tätigkeiten mehr Sinn und Struktur finden - all das hilft uns durch die Wogen der Corona-Krise.

Mit jedem kleinen Schritt fühlen wir uns weniger ausgeliefert. So sehen wir uns trotz allem wieder stärker am Steuer unseres eigenen Lebens.

Liebe Leserin, lieber Leser, welche Erfahrungen hast du gemacht? Womit bietest du dem Kontrollverlust die Stirn?

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Christine Radomsky


Wie wäre es: Wieder mehr Freude, Sinn und Erfolg in der Arbeit erleben, auch wenn du schon viele Jahre im gleichen Unternehmen arbeitest? Dr. Christine Radomsky begeistert sich für gute Arbeit, die Menschen froh macht. ​Ihr Herz schlägt für neugierige Menschen, ihre Teams und Digitaltechnologien. Als Spurwechsel-Coach hilft sie berufserfahrenen Angestellten, sich im Beruf weiterzuentwickeln oder einen neuen Job zu finden. Tiefe berufliche Umbrüche kennt sie aus eigenem Erleben: von der Physikerin zur Software-Ingenieurin, von der Teamleiterin zum Coach. Für lebenserfahrene Menschen im beruflichen Umbruch, die in einer Welt schnellen Wandels erfüllter leben wollen, entwickelt sie gemeinsam mit ihrem Partner Dr. Michael Radomsky Onlinekurse zur Selbstführung. Auf ihrem Blog unter alcudina.de/sinncoach_blog teilt sie Anregungen für lebenslange persönliche Entwicklung und ein sinnerfülltes Leben. Ihr Buch "Willkommen in der Welt der Digital Natives" (Redline-Verlag 2019) führt vergnüglich durch die digitale und menschliche Arbeitswelt von heute und morgen.

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